Der sehnsuchtsvolle letzte blick auf das, was man verlassen muss.
Letzter blick


Der sehnsuchtsvolle letzte blick auf das, was man verlassen muss.

Es ist ungewiss, ob der bogen über dem haus einen durchgang bietet, ob man sich die nase an einem tor oder aber spätestens an der dahinter liegenden wand des gemäuers einrennt. Gewiss ist einzig, wenn man die möglichkeit der nachträglichen photoshop-bearbeitung ausschließt, dass die aufnahme am 22. juni 2008 gemacht worden ist. Die jahreszeit & der schatten legen nahe, dass das bild in den mittagsstunden entstanden ist. Unklar bleibt auch, warum die fotografin einen sichtbaren zeitstempel benutzt hat, um die aufnahme damit auszuzeichnen. Mochte sie schon zum zeitpunkt der aufnahme aus welchen gründen auch immer sicherstellen, dass ihr dieser moment nicht aus dem gedächtnis entgleitet? Aber setzt dies nicht auch den vorsatz voraus, sich den ort, genau diesen platz, das gemäuer, den weg, die büsche, den schattenwurf, ja selbst die gerüche und empfindungen des augenblicks einzuprägen? Oder verlässt sie sich darauf, dass allein das datum all die impressionen des moments wieder heraufziehen lässt? & bedarf es dazu nicht auch noch des fotos?

Der Weg ist uneben, die pflasterer haben keine gute arbeit geleistet. Aber es ist lange her, dass sie hand angelegt haben. Mittlerweile gilt es als charmant, den weg nicht planer mit steinen belegt zu haben. Es geht hinab in richtung straße, die das anwesen begrenzt. Unter dem torbogen stehend, kann man sich darauf freuen, ihn zu durchschreiten, sicher unter dem gebälk hindurch, um danach das zu genießen, worauf es hinausläuft: die freie sicht, auf das gegenüberliegende gebirge, auf das tal unten. Alles ist vorbereitet auf das erlebnis, die ahs und ohs sind schon geformt, in gedanken, will man doch nicht sein überwältigt-sein so offen und mit lautmalerischer untermalung zeigen. Im modernen städtebau sind torbogen völlig aus der mode gekommen. Wäre es nicht ein schöner anblick, wenn vielerlei bogen sich über straßen spannten und auf verschiedenen ebenen sich verbindungslinien zu büros und wohnungen zögen? Bogennetzwerke, die gebäude miteinander verwebten, innerhalb derer sich vielfältigere soziale fäden spinnen ließen. Nicht ungefährlich, aber spannend.

Wenn das lebendige erstarrt ist, sieht man, dass die gegenständliche welt ganz einfach eingerichtet ist. Klare strukturen, wohin man seine augen richtet, selbst beim weißen firnis, mit dem die pflanzen überzogen sind. Das gewusel & gewimmel, das nach dem winter wieder losbricht, verstellt dann den blick darauf, dass wir uns in einem klar gegliederten raum aufhalten, in einem gefüge, das wir als solches nicht wahrnehmen können, weil sich ständig etwas verändert, um uns herum & in uns selbst. Wir werden ständig verwirrt, durch das, was sich uns darbietet. Dabei ist alles ganz einfach. Es gibt nur ein durcheinander wechselnder erscheinung, eine unüberschaubare menge gleich- & gegeneinander laufender prozesse & doch ist klar, dass darin eine struktur liegt, so wie wir die gefrorenen stäbe in ihrer feingliedrigen geformtheit erkennen. & zugleich müssen wir erkennen, dass die struktur selbst wandlungen unterliegt, weshalb man von struktur nur in der mehrzahl sprechen kann – & wenn wir auch annehmen müssen, dass alles wohl geordnet ist, bleibt es doch kompliziert.