Der sehnsuchtsvolle letzte blick auf das, was man verlassen muss.
Letzter blick


Der sehnsuchtsvolle letzte blick auf das, was man verlassen muss.

Es ist ungewiss, ob der bogen über dem haus einen durchgang bietet, ob man sich die nase an einem tor oder aber spätestens an der dahinter liegenden wand des gemäuers einrennt. Gewiss ist einzig, wenn man die möglichkeit der nachträglichen photoshop-bearbeitung ausschließt, dass die aufnahme am 22. juni 2008 gemacht worden ist. Die jahreszeit & der schatten legen nahe, dass das bild in den mittagsstunden entstanden ist. Unklar bleibt auch, warum die fotografin einen sichtbaren zeitstempel benutzt hat, um die aufnahme damit auszuzeichnen. Mochte sie schon zum zeitpunkt der aufnahme aus welchen gründen auch immer sicherstellen, dass ihr dieser moment nicht aus dem gedächtnis entgleitet? Aber setzt dies nicht auch den vorsatz voraus, sich den ort, genau diesen platz, das gemäuer, den weg, die büsche, den schattenwurf, ja selbst die gerüche und empfindungen des augenblicks einzuprägen? Oder verlässt sie sich darauf, dass allein das datum all die impressionen des moments wieder heraufziehen lässt? & bedarf es dazu nicht auch noch des fotos?

Es sind jene kostbaren momente, wenn etwas, wie ein fotografie, entsteht, das in keiner weise beabsichtigt gewesen ist und das im schlimmsten fall sofort als abfall vernichtet wird. Sicherlich wenden noch einige ein, dass, wenn etwas, das sich einem schlichten zufall verdankt und dem deshalb keine idee vorhergegangen ist, was für sie doch voraussetzung für eine schöpfung ist, keine kunst sein kann, weshalb es der mühe nicht wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Schön, dass die verachtung für artefakte in der kunst längst vorbei ist und der betrachter sich in das rätsel versenken kann, das ihm dieses bild aufgibt. Es eröffnet ihm einen raum wilder spekulationen über dieses objekt & möglicherweise lässt er sich verlocken in die stimmung, die dieses bild hervorruft, zu tauchen. Die unmöglichkeit zu unterscheiden, ob da etwas, wovon man nicht weiß, was es ist, heranrückt oder sich entfernt auf dem hintergrund einer völligen übergangslosen schwärze, hält das dargestellte in einer schwebe, die kaum auszuhalten ist & macht das dargestellte zu etwas unheimlichem.

Ein frei schwingendes glockenspiel, das zu seltenen gelegenheiten von einem mit entsprechendem diplom ausgestatteten und also legitimierten flaschenspieler bespielt wird, wobei die auf der jeweils angeschlagenen flasche erzeugten töne die farbe des glases changieren lassen, sodass das spiel den raum in ein sich selbst verzehrendes farbenmeer verwandelt. Leider ist die fotografin etwas zu spät gekommen, die flaschen vibrieren nicht mehr. Einzig der rot glühende saum am bodenrand zeugt davon, dass die flaschen erst kurz vorher zur ruhe gekommen sind. Allein der anblick des mobile hängender flaschen ist eine art entschädigung für das entgangene konzert und erst recht die aussicht auf ein gläschen wein, das nach der vorstellung gereicht wird, damit der winzer auf seine kosten kommt. und der flaschenspieler will ja auch bezahlt werden.